das eckige muss ins runde
- alexandramuhm
- 9. Feb.
- 2 Min. Lesezeit
Da war letztens in Venedig dieser bunte, fast schon exzentrisch runde Teller mit seinem rosa Blütenmuster – und darauf, auf einer schlichten weißen Serviette, lagen drei Stücke Gebäck. Das Eckige auf dem Runden.

Es war ein kleiner Disput der Formen, ein Gespräch zwischen der Begrenzung des Tellers und der Eigensinnigkeit des Inhalts. Es gibt diese Augenblicke, in denen etwas aus der Form gerät oder sich bewusst gegen sie stellt – und genau dann wird es für uns interessant.
Dieses Gebäck will eigentlich gar nicht perfekt in die Rundung des Tellers passen. Es nimmt sich seinen Platz, bricht die Linien und schafft dadurch eine eigene Spannung: Für uns ist Form kein bloßes Styling, kein Design, das man am Ende über eine Sache stülpt, damit sie hübsch aussieht.
Form ist für uns ein Gesprächspartner. Sie hält, sie begrenzt, sie öffnet. Und sie besitzt die Fähigkeit, Dinge sichtbar zu machen. Wenn eine Form nicht trägt, spürt man es sofort. Wenn sie trägt, ebenso.
Im Alltag wird Form oft missverstanden – als reine Oberfläche, als Verpackung oder einfach nur als Abschluss eines Prozesses. Für uns ist sie der Rahmen, in dem überhaupt erst Substanz entstehen kann.
Frank Berzbach spricht in diesem Zusammenhang von „heilsamen Begrenzungen“, und wir können dabei nur zustimmend nicken. Es ist wie mit dem Gebäck auf dem Teller: Ohne den Rand des Tellers gäbe es keinen Fokus. Aber ohne die Freiheit innerhalb dieses Rands gäbe es keine Lebendigkeit. Das richtige Maß zu finden, ist kein starres Regelwerk, sondern ein feines Gespür für Tragfähigkeit im Corporate Design, bei der Logoentwicklung, beim Text.
Wenn also etwas aus der Form gerät oder sich an ihr reibt betrachten wir das nicht als Fehler, sondern als wertvolles Feedback. Es ist eine Information des Lebendigen. Ein Text signalisiert uns, dass er zu laut oder zu unklar ist. Eine Marke zeigt uns, dass sie zu beliebig geworden ist, weil die Angst vor der Stille oder der Kante zu groß war.
Form ist ehrlich. Wenn wir ihr zuhören, verstehen wir nicht nur gute Gestaltung besser, sondern auch das Leben selbst.
Die Grenzen des Lebens, seine Freiheiten und das Maß, in dem Dinge wirklich Substanz gewinnen. Wir beschäftigen uns vielleicht deshalb so leidenschaftlich mit ihr, weil sie uns daran erinnert, dass das Wesentliche nicht schreien muss. Es braucht nur einen Rahmen, der stimmt.
Kerngeschehen – Jutta Herden und Alexandra Muhm
Gern geschehen.


Lit. Sprache der Bilder: Kunst verstehen: Form, Farbe, Komposition. Guschti Meyer



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