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der tisch ist gedeckt

Ein Tag als Jurymitglied beim European Photo Book Award 22 Fotobücher auf dem Tisch – und die Frage, was ein gutes Fotobuch ausmacht.


Heute nehme ich (Jutta) euch mit in einen besonderen Tag.

Vor mir liegen 22 Fotobücher auf einem großen Holztisch in einem Stuttgarter Fotostudio. Ich bin als Kommunikationsdesignerin Teil der Jury des European Photo Book Award, eines europäischen Fotobuchpreises der Federation of European Photographers (FEP).


Was ein gutes Fotobuch ausmacht

Ein gutes Fotobuch entsteht aus dem Zusammenspiel vieler Elemente: Idee, Dramaturgie, Bildfolge, Gestaltung, Typografie, Material, Papier und Druckqualität. Im Unterschied zu einer Ausstellung oder zu einzelnen Fotografien entsteht die Bedeutung im Fotobuch oft erst zwischen den Bildern. Reihenfolge, Seitenrhythmus und das Verhältnis von Bild, Text und Weißraum prägen, wie wir ein Projekt lesen. Wenn diese Elemente stimmig ineinandergreifen, trägt ein Buch seine Leser:innen ganz selbstverständlich von der ersten bis zur letzten Seite.



Zwei Bücher im Blick

BUCH EINS If Time Does Not End von Janick Entremont fällt zunächst durch seinen ungewöhnlichen Umschlag auf. Der leinengebundene Einband ist mit einer wissenschaftlichen Tabelle bedruckt – eine Gestaltung, die sofort neugierig macht.


Das Buch beschäftigt sich mit der Idee der Kryonik – der Hoffnung, den Tod mithilfe zukünftiger Technologie rückgängig machen zu können. Menschen lassen ihren Körper – oder nur ihr Gehirn – bei extrem niedrigen Temperaturen konservieren, in der Erwartung, eines Tages wieder erweckt zu werden. Die fotografische Arbeit zeigt Porträts von Menschen, die an Kryonik glauben, ebenso wie Orte, technische Anlagen und dokumentarische Elemente rund um dieses Zukunftsversprechen.

Die Tabelle auf dem Umschlag verweist direkt auf dieses Thema: –196 °C ist die Temperatur von flüssigem Stickstoff, in dem Körper in der Kryonik gelagert werden. Im Inneren steht dem ungewöhnlichen Umschlag eine ruhige, klare Gestaltung gegenüber. Viel Weißraum stärkt das Bildkonzept. Texteinschübe auf blauem Papier – auf einem anderen Material gedruckt – strukturieren das Buch und heben sich bewusst von den Fotoseiten ab. Gestaltung, Material und Bildfolge greifen so ineinander, dass sie das Thema des Buches überzeugend aufnehmen.


BUCH ZWEI Tunnel Vision von Ondřej Přibyl beschäftigt sich mit Wahrnehmung und den Grenzen unseres Blicks auf die Welt. Fotografien, Photogramme und Daguerreotypien untersuchen, wie sehr unser Sehen von Wissen, Vorstellung und Erfahrung geprägt ist – und wie begrenzt unser Blick auf Wirklichkeit bleibt.


Der grüne Leinenumschlag mit eingelassenem Bild ist klar gestaltet und präzise gearbeitet. Beim Aufschlagen folgt ein farbiger Auftakt mit kräftigem Vorsatzpapier, der sofort eine eigene Atmosphäre schafft. Format, Material und Druckqualität sind sorgfältig aufeinander abgestimmt. Typografie und Satz sind präzise gearbeitet, das Layout folgt einer klaren Struktur und wird immer wieder durch überraschende gestalterische Entscheidungen erweitert. Charakteristisch sind die abgerundeten Bildformate, die im Buch immer wieder auftauchen. Sie stehen in spannendem Kontrast zur klaren Seitengestaltung und erzeugen über die Seiten hinweg eine eigenständige visuelle Dramaturgie.


Es hört einfach nicht auf

Bücher faszinieren mich seit meiner Kindheit – und haben mich nie wieder losgelassen. Ein Buch in die Hand zu nehmen, es aufzuschlagen, Papier, Format und Gestaltung zu erleben – das ist für mich bis heute etwas Besonderes. Inhalt durch Gestaltung, Typografie, Material und Dramaturgie in eine Form zu bringen, die Leser:innen erreicht – darin liegt für mich die besondere Qualität eines Buches.

Die Vielfalt der eingereichten Fotobücher war groß, und der Austausch in der Jury ebenso spannend. Die Gewinner des Awards werden erst bei der Preisverleihung im nächsten Monat bekannt gegeben, deshalb kann ich hier noch keine Titel nennen. Die beiden vorgestellten Bücher sind lediglich eine persönliche Auswahl aus den vielen Einreichungen.

Zum Schluss eine Frage an euch: Welches Fotobuch hat euch zuletzt besonders beeindruckt – und warum? Schreibt uns: mail@kerngeschehen.net

Kerngeschehen – Jutta Herden

Gern geschehen.


 
 
 

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